Deutliches Wachstum am Kälte- und Klimamarkt

»Wir stehen erst am Anfang eines Technologiewechsels«

24. April 2017

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Auch im Jahr 2016 blickt der Kälte- und Klimamarkt auf eine erfreuliche Entwicklung zurück. Stärker als der Markt konnte wieder Mitsubishi Electric zulegen. Was der Brexit für das Unternehmen bedeutet, wie man die Perspektiven für die kommenden Jahre sieht und was die Akquisition von Climaveneta und der RC Group strategisch bedeuten, waren nur einige Themen, die unsere Redaktion mit Holger Thiesen, General Manager Mitsubishi Electric, Living Environment Systems besprochen hat.

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Holger Thiesen, General Manager bei Mitsubishi Electric, Living Environment Systems

Holger Thiesen, General Manager bei Mitsubishi Electric, Living Environment Systems

»de«: Herr Thiesen, wie hat sich Mitsubishi Electric im vergangenen Jahr entwickelt?

H. Thiesen: Der Wachstumstrend aus den vergangenen Jahren hat sich auch in 2016 weiter fortgesetzt – und das in allen Produkt- und Geschäftsbereichen. Überraschend war für uns vor allen Dingen die Entwicklung bei Klein-Klimageräten. Trotz eines eher durchschnittlichen Sommers haben wir das ohnehin schon deutliche Wachstum aus 2015 noch einmal übertreffen können. Das zeigt uns, dass sich das Bewusstsein für Raumklimatisierung in Deutschland endgültig verändert hat. Während früher zu 80 % gewerbliche Anwendungen dominierten, sind es jetzt zunehmend private Nutzer. Klimatisierung wird mit hohem Wohnkomfort und einer wirtschaftlichen Lösung gleichgesetzt. Daneben erkennen auch erste Endverbraucher den Nutzen der Verwendung der vorhandenen Klimaanlage als effiziente Heizung vor allem in der Übergangszeit.

»de«: Welche Perspektiven sehen Sie im laufenden Jahr für den Gesamtmarkt?

Thiesen: Wir sind mit Optimismus in das Jahr gestartet und glauben, dass sich der Markt solide und beständig weiter entwickeln wird. Das gilt sowohl für Klein-Klimaanlagen als auch den mittleren Leistungsbereich, der bei uns durch die Mr. Slim-Serie gekennzeichnet ist. Wenn wir uns die Projektanfragen der kommenden zwei Jahre für den VRF-Bereich ansehen, kann ich auch hier davon ausgehen, dass wir keinen Marktrückgang zu erwarten haben. Im Wärmepumpen-Markt konnten wir in 2016 wiederum sehen, welche Auswirkungen politische Maßnahmen in diesem Segment haben. Nach Jahren der Stagnation haben wir ein deutliches Marktwachstum gesehen. Die Wärmepumpe ist aus dem Markt nicht mehr wegzudenken und wir reden hier vermutlich von der künftig dominierenden Technologie im Heiztechnikmarkt.

»de«: Welche Faktoren haben sich besonders auf die geschäftliche Entwicklung von Mitsubishi Electric ausgewirkt?

Holger Thiesen

Thiesen: Hier müssen wir wiederum nach den einzelnen Technologien differenzieren. Bei Klein-Klimaanlagen hat die positive Entwicklung durchaus auch mit den geringen Verzinsungen am Kapitalmarkt zu tun. Wohnungs- und Eigenheimbesitzer sind deswegen eher bereit in Komfortausstattung für ihre Gebäude zu investieren. Dann entscheiden sie sich auch für Anlagen mit hoher Qualität und niedrigen Betriebskosten. Aber auch die klimatischen Veränderungen insgesamt sorgen hier für ein anderes Verständnis von Komfort. Bei den VRF-Anlagen haben gewerbliche Investoren zunehmend erkannt, dass sich hier mit einem einzigen Anlagenkonzept eine wirtschaftliche Alternative zum bislang gewohnten Modell bietet. Statt separater Heizung und eigenständiger Klimatechnik wird immer intensiver die VRF-Technologie für den monovalenten Betrieb in den Fokus gerückt. Dieser Einsatz ohne Verwendung fossiler Energieträger erlaubt es den Investoren und Betreibern, gesetzlich geforderte, nachhaltige Immobilienkonzepte einfach und effizient umzusetzen.

»de«: Rechnen Sie mit ähnlichen Entwicklungen auch für die gesamte Branche?

Thiesen: Ja – wir stehen erst am Anfang eines Technologiewechsels, der von allen Marktteilnehmern gewünscht ist. Weg von den fossilen Energieträgern Öl und Gas entwickelt sich der Gesamtmarkt in Richtung Strom. Selbst etablierte Heiztechnik-Hersteller reden mittlerweile von Strom als dominierenden Energieträger in der Heiztechnik der Zukunft. Fast alle konventionell ausgerichteten Heiztechnik-Hersteller haben mittlerweile auch eine Klimatisierungssparte aufgebaut. Alle investieren in die Entwicklung von Wärmepumpen. Der Markt wird sich in den kommenden Jahren mit zunehmendem Tempo in Richtung Strom entwickeln. Hierfür sind wir in allen Bereichen perfekt aufgestellt.

»de«: Insbesondere Ihre Entwicklung bei Wärmepumpen hat für Überraschung gesorgt. Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Gründe für den stabilen Aufwärtstrend?

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Die Wärmepumpe ist aus dem Markt nicht mehr wegzudenken und wir reden hier vermutlich von der künftig dominierenden Technologie im Heiztechnikmarkt

Thiesen: In neutralen Branchenbefragungen des Fachhandwerks durch Fachmedien sind wir als drittbester Anbieter im Markt ausgezeichnet worden. In Teilbereichen wie der Montagefreundlichkeit konnten wir sogar auf Platz 1 vorstoßen. Und das, obwohl wir im Vergleich zu den etablierten, großen Heiztechnik-Herstellern immer noch als Newcomer gelten. Das macht uns sehr stolz, weil es eine direkte Resonanz aus dem Fachhandwerk auf unsere täglichen Bemühungen ist, der bestmögliche Partner zu sein.

Wir sind – wie anfangs angekündigt – nicht auf Biegen und Brechen mit extremen Umsatzzielen in den Markt gegangen, sondern haben uns gemäß unserer japanisch geprägten Philosophie Zeit genommen. Wir wollen kein Wachstum um jeden Preis. Der schnelle Euro ist für uns zu kurzfristig orientiert. Wir sind hier – und das haben wir in den letzten Jahren überzeugend dargestellt -, weil wir auf nachhaltiges und kontinuierliches Wachstum hinarbeiten. Das ist mittel- und langfristig in jedem Fall der bessere Weg als kurzfristige Preisaktionen. Ich bin der festen Überzeugung, dass man in erster Linie über Kundenzufriedenheit Marktanteile generiert. Natürlich müssen dafür die Technologie, ihre Zuverlässigkeit und ihre technischen Daten stimmen – das ist die Basis. Aber – und auch das wird honoriert: Wir haben bislang alle Versprechen gehalten, die wir gemacht haben.

»de«: Der Brexit und seine Folgen, Herr Thiesen. Die Europa-Zentrale von Mitsubishi Electric sitzt in London, ein Teil der Produktion in Schottland. Wie schätzen Sie die künftigen Auswirkungen auf Mitsubishi Electric ein? Ist an eine Verlegung der Europazentrale gedacht?

Thiesen: Der Brexit ist eine Entscheidung, die in UK getroffen worden ist und die sicher viele Wirtschaftszweige tangieren wird. Derzeit kann aber niemand die tatsächlichen Auswirkungen abschätzen, denn die politischen und wirtschaftlichen Verhandlungen haben ja noch nicht einmal begonnen. Wir sehen den Brexit mit einer gewissen Gelassenheit. Mitsubishi Electric ist ein weltweit tätiges Unternehmen. Wir haben 79 Niederlassungen, davon alleine 10 in Europa. Ob wir eine Niederlassung in UK haben oder nicht, wird unser Gesamtgeschäft nicht beeinträchtigen. Unser Geschäft ist zudem sehr lokal geprägt. So wie die deutsche Niederlassung u. a. für die Geschäftsentwicklung in Deutschland verantwortlich ist, ist es die Niederlassung in UK für den britischen Markt. Was uns aber treffen könnte, ist die Wechselkursentwicklung. Da kommen Herausforderungen auf jedes Unternehmen in Europa zu.

Das Gleiche betrifft auch unsere Produktion. Unsere Fertigungen sind weltweit aufgestellt. Eine davon sitzt in Schottland. Wie sich gerade aber auch die Lage in Schottland entwickelt ist sowohl politisch als auch wirtschaftlich unklar. Vielleicht ergibt sich hier künftig eine Entwicklung, die derzeit noch gar nicht in den Strategieplänen auftaucht. Wir sehen die Lage aber eher geografisch und nicht politisch. Europa – und da zähle ich UK ausdrücklich dazu – ist ein wichtiger Standort für Mitsubishi Electric. Derartige politische Gegebenheiten werden unsere Geschäftstätigkeiten nicht massiv beeinträchtigen.

»de«: Im vergangenen Jahr ist Mitsubishi Electric erstmals nicht nur aufgrund seiner eigenen geschäftlichen Entwicklung gewachsen. Vielmehr wurde DeLClima mit Climaveneta und der RCGroup akquiriert. Wie verläuft derzeit die Integration dieser Unternehmen und Geschäftsfelder in die Gruppe?

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In neutralen Branchenbefragungen des Fachhandwerks wurde Mitsubishi Electric mit seiner Wärmepumpenserie Ecodan als drittbestes Unternehmen der Branche ausgezeichnet

Thiesen: Climaveneta und die RC Group sind bereits im letzten Jahr in unsere Deutschland-Zentrale nach Ratingen umgezogen. Auch gefördert durch diese räumliche Nähe verläuft das Zusammenwachsen reibungslos. Wir entwickeln uns von einem spezialisierten Klimatisierungsanbieter hin zu einem kompletten Systemhersteller. Dabei helfen uns die beiden neuen Marken mit ihren Technologien enorm. Gemeinsam prüfen wir die Chancen im Markt und spielen uns die Bälle mittlerweile schnell und überzeugend zu. Wir wollen und werden für unsere Kunden immer die technologisch beste Antwort auf seine Fragen und Bedürfnisse parat haben. Das ist die Zielrichtung.

»de«: Die Branche forscht an einer effizienten Wärmepumpe für den Baubestand, die hohe Vorlauftemperaturen liefert. Sie bieten u. a. eine Wärmepumpe mit dem Kältemittel R744, die bis zu 90 °C heißes Wasser produziert. Könnte R744 künftig eine Lösung sein?

Thiesen: Unser QAHV-System liefert bis zu 90 °C heißes Wasser. Wir setzen die Wärmepumpe aber ausschließlich zur Warmwasserversorgung und nicht für Heizwärme ein. Das hat seinen guten Grund: Die sehr gute Wirtschaftlichkeit der Anlage ist nur bei einem großen Delta-t erreichbar. Diese erforderliche hohe Spreizung lässt sich für Heizungssysteme im Baubestand nur schwer umsetzen. Für diese Applikation bieten wir heute bereits eine besser geeignete Technik mit unseren Zubadan-Systemen an – und mit Kaskadenlösungen decken wir auch breite Leistungsbereiche ab. Was in Deutschland derzeit nicht im Fokus steht, ist aus meiner Sicht die Luft-/ Luft Wärmepumpe. Andere Märkte in Europa oder der Welt sind hier schon lange von hydraulischen zu luftgeführten Heizanlagen gegangen. Wir haben auch Beispiele in Deutschland, wo das funktioniert hat. Denken Sie an die Elektro-Speicherheizungen. Jeder Speicher ließe sich einfach durch ein Truhengerät ersetzen – mit viel höherer Wirtschaftlichkeit und der zusätzlichen Möglichkeit zur Kühlung im Sommer.

»de«: Rechnen Sie denn damit, dass sich Deutschland vom Hydraulik- zum Luftmarkt entwickeln könnte?

Thiesen: Theoretisch wäre das aus unserer Sicht ein vernünftiger Weg. Das gilt gerade für die Wohnungswirtschaft, in der sich viele Lösungen mit dezentralen oder zentralen Anlagen anbieten würden. Diese Konzepte vermarkten wir in der Wohnungswirtschaft bereits mit großem Erfolg. Von der Mentalität im Markt her halte ich einen generellen Wechsel zumindest in den nächsten zehn Jahren für schwer vorstellbar.

»de«: Die Branche und der Markt wachsen. Problematisch ist aber nach wie vor die personelle Situation – gerade beim Kälte- und Klimaanlagenbauer. Wird die Branche den Wandel hin zu Wärmepumpen und VRF-Technologie in den nächsten Jahren arbeitsmäßig überhaupt stemmen können?

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Mit VRF-Anlagen gelingt es Investoren und Betreibern gesetzlich geforderte, nachhaltige Immobilienkonzepte einfach und effizient umzusetzen

Thiesen: Sie sprechen da ein eminent wichtiges Thema an. Die Frage, ob die Branche überhaupt in der Lage ist, das Wachstum, das auf sie zukommt zu managen ist berechtigt. Wenn wir, wie im letzten Sommer Auftragsvorläufe von sieben Monaten im Handwerk haben, lässt das auch einen Blick auf die Zukunft zu. Es besteht das Risiko, dass wir den stabilen Markt dadurch wieder gefährden. Das gilt nicht nur für den Klein-Klimamarkt, sondern auch für den gewerblichen Anwender. Der VRF-Markt wächst jährlich mit stabilen Zuwachsraten – und damit auch die Anforderungen an die Einbaukapazität. Wenn wir jetzt in die Zukunft schauen und sehen, dass sich eventuell getrieben durch die F-Gas-Verordnung auch mehr hoch effiziente Lösungen mit dem Energieträger Wasser – wie bei unserem HVRF-System – ergeben, dann verwischen die Grenzen zwischen den Gewerken. Nicht nur aufgrund der Technologie werden immer mehr verschiedene Teilnehmer bei der Montage erforderlich sein, sondern auch getrieben durch das Thema Kapazitäten, die ich brauche, um den Markt bedienen zu können. Der Markt wird sich auf der einen Seite mehr spezialisieren und auf der anderen Seite mehr öffnen.

»de«: Ist die Zusammenarbeit, die Sie skizzieren denn eine Lösung? Fehlt es nicht überall an ausgebildetem Fachpersonal in der Branche?

Thiesen: Da haben Sie recht. Egal, mit welchem Fachhandwerker ich spreche, sei es Elektro, SHK, Kälte oder Bad und Chiller – alle verbindet das Thema, dass qualifizierter Nachwuchs fehlt. Auf dieses Problem gibt es aber keine einfache Lösung. Wir als Industrie suchen ja genauso nach Mitarbeitern und greifen auf den gleichen Pool an Fachkräften zurück wie das Fachhandwerk. Im kleinen Rahmen versuchen wir auch über Musterprojekte wie Unterstützung von dualen Studiengängen eine mögliche Antwort für uns zu finden, aber das löst nicht die Gesamtheit der Thematik.

»de«: Sehen Sie denn eine Lösung darin, dass prinzipiell fachfremde Handwerker sich zunehmend auch auf Kälteprojekte hin ausbilden lassen?

Werner ThiesenThiesen: Ich glaube nicht, dass viele Fachhandwerks-Betriebe in Deutschland Interesse daran haben werden, Großprojekte in der Kälte- und Klimatechnik abzuwickeln. Auf der einen Seite haben sich immer mehr Betriebe auf bestimmte Kundengruppen und Aufgabenbereiche spezialisiert. Auf der anderen Seite findet seit Langem eine Vermischung der Unternehmen statt. Damit meine ich z. B. Anlagenbauer, die gewerkeübergreifend aktiv sind. Die Frage ist letztendlich, wie man sich selbst aufstellen möchte – in einem fest umrissenen Aufgabengebiet oder breit in Richtung von Gesamtkonzepten. Diese Ausrichtung findet schon seit Jahren statt. Wenn man sich heute die großen Projektträger anschaut, trifft man immer wieder auf die gleichen Namen. Das sind erfolgreiche Unternehmen, die weiter wachsen werden. Wir als Hersteller können uns nur an die Nachfragestrukturen im Markt anpassen. Wir werden jeden unserer Kunden, sei es den City Multi Club Partner oder den Ecodan Partner genauso wie den Anlagenbauer mit der Hilfeleistung unterstützen, die er von uns benötigt.

»de«: Dennoch lässt sich das Nachwuchsproblem damit nicht lösen. Würden Sie gemeinsame Aktionen aus der Branche für die Branche befürworten?

Thiesen: Es ist bestimmt nicht nur unser großer Wunsch, die Branche für den Nachwuchs wieder attraktiver zu machen. Ich finde es sehr schade, dass Jugendliche die breiten Berufsbilder in unserer Branche kaum kennen und zudem völlig falsche Vorstellungen davon haben. Und ich rede jetzt bewusst übergreifend für Heizung und Kälte: Die Branche hat ein Image, das sich verbessern lässt. Daran müssen wir alle arbeiten, sowohl die Industrie als auch das Handwerk und der Handel. Ich bin überzeugt, dass dieses Thema bereits in den Verbänden diskutiert und aufgenommen worden ist, und hoffe, dass wir es gemeinsam schaffen, die Entwicklung der Branche weiter nach vorne zu bringen.

»de«: Herr Thiesen, vielen Dank für das Gespräch.

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