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Interview zu Trends in der Gebäude- und Netzwerkverkabelung

»Geld nicht in Kabelkanälen vergraben«

Rosenberger-OSI-Smartnet Verkabelung
(Bild: Rosenberger OSI)

»de«: Herr Mees, wie sieht der aktuelle Stand in der Bürogebäudeverkabelung aus und was sind die Herausforderungen?

Ronny Mees: Die Verkabelung reicht generell von der Primärverkabelung im Campus, wo Gebäude miteinander verbunden werden, über den Gebäudeverteiler auf die Etagenverteiler im Sekundärbereich und von dort aus in die Fläche in den Tertiärbereich. Als Glasfaser-Hersteller möchten wir in der Gebäudeverkabelung natürlich möglichst weit Glasfaserkabel positionieren, typischerweise ist aber gerade in der Tertiärverkabelung das Kupferkabel noch weit verbreitet und gesetzt. Es werden in der Netzwerkverkabelung Standardprodukte eingesetzt, die schon lange im Markt etabliert sind: Campus-Distributoren, Gebäudeverteiler und gegebenenfalls ein passiver Konsolidierungspunkt und der Teilnehmer-Anschluss.

Im LAN-Markt gibt es häufig organisatorische Herausforderungen, wenn z.B. eine Umorganisation von Arbeitsplätzen nötig wird. D.h. wir benötigen ein Netzwerk, das diese Flexibilität in der Arbeitsorganisation abbilden kann. Auch die zunehmende Videokommunikation – nicht nur im Homeoffice, sondern auch im Büro – stellt besondere Anforderungen an das Netzwerk. Es muss nicht nur die entsprechende Bandbreite bereitgestellt, sondern auch berücksichtigt werden, dass einige WLAN-Installationen mit der Videokommunikation nicht so gut zurechtkommen.

Zudem müssen hohe Datenschutz-Standards erfüllt werden. Das ist zwar nicht neu, aber trotzdem finden wir noch Anschlussdosen in den Gebäuden, die einen völlig freien Netzwerkzugang erlauben. Ein potenzieller Angreifer hat dann direkten Zugang auf das Netzwerk, sobald er seinen Laptop an die Wanddose anschließt, sofern kein Authentifikation-Server eingesetzt wird. Das sollte man natürlich vermeiden.

Mees Gebäudeverkabelung
Ronny Mees

(Bild: Rosenberger OSI)

»de«: Sehen Sie noch andere Trends, die Einfluss auf die Gebäudeverkabelung haben?

R. Mees: Ein weiterer Trend ist die Nutzung von Thin Clients, also Computer, die über ein Netzwerk mit einem Server verbunden sind und dessen Ressourcen nutzen. Das bedeutet, dass wir am Teilnehmer-Anschluss mehr Power-over-Ethernet-Installationen brauchen, bei denen die Stromversorgung über das Datenkabel bereitgestellt wird.
Und dann gibt es noch die Gebäude-LANs, die sich zunehmend in Industrie- und IoT-Umgebungen ausdehnen. Wobei IoT hier nicht nur auf den Industrie-4.0- sondern auch auf den Bürobereich zu beziehen ist, wie z.B. aktuell mit der Luftqualitätssensorik, Klimaanlagensteuerung, Türsteuerung oder Kameras. In diesen Bürobereichen kommen plötzlich viele Geräte mit ins Netzwerk, die eben nicht nur reine Bürogeräte sind. Auch da muss das Netz wachsen und Power over Ethernet (PoE) bereitstellen können.

Aus diesen organisatorischen Herausforderungen resultieren auch einige technische Herausforderungen. Das sind u.a. die zunehmenden Datenraten durch die Videokommunikation. Dafür benötigt man passende Highspeed-Anschlüsse. Und die steigende Anzahl vernetzter Geräte benötigt mehr Netzwerkzugänge.

Die Zunahme bei PoE-Geräten erfordert auch, dass die Kupferkabel diese elektrische Leistung noch zur Verfügung stellen können. Bei den aktuellen PoE-Standards gibt es den Trend hin zu dickeren Kupferkabeln, also größeren Kupferquerschnitten, um die Verlustleistung auf den Kabeln zu reduzieren, damit bei der maximalen tertiären Kabellänge die immer höher werdende Leistung überhaupt noch gewährleistet werden kann. Eine Alternative ist, die Kabel möglichst kurz zu halten.

Rosenberger-OSI_isonet Büroverkabelung
Bei »Preconnect isonet« wird vom Etagenverteiler auf die einzelnen Arbeitsplätze vernetzt

(Bild: Rosenberger OSI)

»de«: Ist das auch die Idee hinter Ihrem neuen LAN-Portfolio?

R. Mees: Genau, »Preconnect isonet« ist ein Lösungsansatz, der im Markt weit verbreitet ist, und den viele bereits kennen dürften. Hier wird vom Etagenverteiler auf die einzelnen Arbeitsplätze vernetzt. Es wird zu jedem Arbeitsplatz eine Leitung gelegt, also auch zu möglichen späteren Arbeitsplätzen, die aktuell noch gar nicht existieren. Das ist der so genannte Overprovisioning-Ansatz, der bereits für die Zukunft Überkapazitäten zur Verfügung stellt.

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Mit Preconnect flexnet« wird nahe der Arbeitsplätze ein Konsolidierungspunkt eingebracht und das Overprovisioning reduziert

(Bild: Rosenberger OSI)

Einen anderen Ansatz verfolgt »Preconnect flexnet«: Hier wird in unmittelbarer Nähe zu den Arbeitsplätzen ein Konsolidierungspunkt eingebracht. Dadurch wird das Overprovisioning für mögliche zukünftige Erweiterungen auf dem Weg zwischen dem Etagenverteiler und dem neuen Konsolidierungspunkt beschränkt. Von diesem kleinen Verteiler läuft dann nur nach Bedarf eine entsprechende Kabelverbindung zum Teilnehmer-Arbeitsplatz. Wenn dort ein neuer Schreibtisch benötigt wird, wird diese Kabelverbindung ohne großen Aufwand und ohne Störung des Arbeitsablaufes z.B. über Nacht nachgelegt. So kann das Büronetzwerk flexibel erweitert werden, ohne dass sozusagen das Geld unnütz für mögliche Enduser-Anschlüsse investiert werden muss.

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Bei »Preconnect smartnet« ersetzen Office-Distributoren den Etagenverteiler und reduzieren die Kupferverkabelung deutlich

(Bild: Rosenberger OSI)

»de«: Und der dritte Ansatz?

R. Mees: Der nächste Ansatz »Preconnect smartnet« geht noch einen Schritt weiter, um die Kupferkabel für PoE-Anwendungen möglichst kurz zu halten und das Geld nicht unnütz in Kabelkanälen zu vergraben. Das erreichen wir dadurch, dass wir im oder in unmittelbarer Nähe vom Bürobereich so genannte Office-Distributoren einsetzen, und diese mit einem Glasfaserkabel über einen Glasfaser-Konsolidierungspunkt flexibel anbinden.

Office-Distributoren ersetzen den Etagenverteiler. Sie sind im Regelfall kleiner und können deshalb sehr flexibel im Gebäude integriert werden und bieten eine deutliche Platzersparnis. Zudem kann ich die Kupferverkabelung nicht nur sehr kurz halten, sondern auch individuell gestalten. Soll ein neuer Arbeitsplatz eingerichtet werden, kann ein Kupferkabel schnell und unkompliziert zum Office-Distributor geführt werden.

Unsere Lösung wird durch die Dezentralisierung der Netzwerkverteilung charakterisiert – weg von einem zentralen Etagenverteiler, hin in die Fläche mit den Verteilern bzw. mit dem Office-Distributor. Wir arbeiten also daran, die »letzte Meile« im Sinne des Anschlusses der Arbeitsplätze über Kupferkabel zu verkürzen. Das macht die Installation nicht nur preiswerter, sondern schont auch die Ressourcen. Darüber hinaus können auch unsere ein- oder beidseitig vorkonfektionierten Kabel eingesetzt werden, so dass die Installation auf der Baustelle sauberer und schneller vonstattengehen kann. Bei größeren Umstrukturierungen können die Komponenten übrigens auch mit umziehen, wodurch sich ein wichtiger Investitionsschutz ergibt.

Rosenberger-OSI-Wiener Gebäudeverkabelung
Stefan Wiener

(Bild: Rosenberger OSI)

»de«: Wie muss man sich einen solchen Umzug in der Praxis vorstellen?

R. Mees: Der Office-Distributor ist eine sehr kleine Verteileinheit z.B. an der Wand, die leicht abmontiert und physisch an einem neuen Ort angebracht werden kann. Da tut man sich mit einem groß ausgebauten Etagenverteiler schon wesentlich schwerer. Denn hier müssen die ganzen Kabelwege erst gelöst und teilweise neu verlegt werden. Kleinverteiler lassen sich da wesentlich leichter umziehen.

Stefan Wiener: Zumal wir bei einer klassisch strukturierten Verkabelung eine Kupferlänge von bis zu 90m haben. Ein so langes Kabel zurückzuziehen, ohne dass es beschädigt wird, ist schwierig und kostenintensiv. Dadurch, dass wir bei »Preconnect smartnet« sehr kurze tertiäre Kupferlängen haben, können diese problemlos zurückgezogen und wiederverwendet werden.

»de«: Wird mit kürzeren Kabellängen auch die Vorkonfektionierung interessanter?

S. Wiener: Generell gilt: Je länger das Kabel ist, umso problematischer wird eine Vorkonfektionierung. Der Sinn und Zweck von »Preconnect smartnet« ist es, die tertiären Verkabelungen möglichst kurz zu halten, deshalb kann man hier in der Regel auch sehr gut vorkonfektionierte Kabel verwenden und auch leichter bevorraten.

Für die LWL-Anbindung von Gebäude zu Gebäude ist das Thema Vorkonfektionierung allerdings individuell zu betrachten. In einigen Fällen können beidseitig vorkonfektionierte Kabel nicht zum Einsatz kommen, weil ich keinen Durchbruch, welcher für das vorkonfektionierte Kabel notwendig wäre, machen darf, oder ein bereits belegtes Rohr genutzt werden muss. Dann muss ich zumindest auf einer Seite spleißen. Aber bei einer guten Vorplanung mit »Preconnect smartnet« können zu 90% vorkonfektionierte Kabel eingesetzt werden.

»de«: Herr Mees, Herr Wiener, vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor
Autorenbild
Britta Kalscheuer

Redaktion »de«

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