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Praxisfrage

Beleuchtungsstärken in Behinderteneinrichtung

Ein Kunde betreibt eine Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen. In einem mehrstöckigen Gebäude aus den 1970er/1980er Jahren sind diese Personen in Gruppen untergebracht. Abgehend vom Flur befinden sich Gemeinschafts- und Schlafzimmer der Bewohner sowie Personalzimmer und Küche. Beidseitig ist ein Handlauf angebracht. In diesem Flur sind abgehängte Decken in Metallpaneel Ausführung verbaut. Darin befinden sich Leuchten mit 2 x 58 W / 2 x 36 W Leuchtmittel und KVG aus der Zeit der Errichtung. Die Leitungen und Leuchten weisen bereits altersbedingte Verschleißerscheinungen auf, z. B. erwärmte Klemmstellen, erwärmte und verschmorte Leiter, defekte KVGS, poröse Prismen und Fassungen oder Isolationsfehler, die zum Auslösen der RCDs führen.

Daher hat die Instandhaltung die betroffenen Leuchten mittels der Sicherungen vom Netz getrennt. Ca. jede vierte Leuchte ist jedoch noch in Betrieb, welche separat schaltbar ausgeführt sind. Nach Bemängelung der zu geringen Beleuchtungsstärke wurden wir nun hinzugezogen. Nach Überprüfung der Installation und Messung der Beleuchtungsstärke kamen wir im Bewertungsbereich auf eine mittlere Beleuchtungsstärke von 30 lx. Wir rieten dem Kunden zum Austausch der kompletten Beleuchtung, da wir laut DIN EN12464-1:2011-08 Tab. 5.37 die Mindestbeleuchtungsstärke auf 100 lx am Boden definieren würden und die Leuchten außerdem deutliche Mängel bei der Sichtprüfung aufwiesen. Es gibt einen Hersteller, welcher noch LED-Leuchten für solche Anwendungen baut. Damit würden wir im Mittel gut auf die 100 lx kommen.

Da der Kunde jedoch den Gebäudeabriss in zwei bis fünf Jahren plant, trat die Frage auf, ob es nicht ausreicht, die Beleuchtung weiterhin bei 30 lx zu belassen. Schließlich stelle das eine sehr große Investition dar, da diese Leuchten in allen Stockwerken zu erneuern wären. Unserer Meinung nach sollte bei einer solchen Überlegung immer der aktuelle Normenstand angesetzt werden. Die Mindestbeleuchtungsstärke war 1980 – dem Errichtungszeitpunkt – evtl. noch niedriger. Das heißt der Austausch der Leuchten ist unserer Meinung nach in jedem Fall nötig, da es keine Alternativen gibt. Ein Umbau der Leuchten mit Retrofit, Ausbau der KVG sowie Erneuerung der Fassungen kommt für uns nicht in Frage. Wie bewerten Sie diese Situation?

M. S., Bayern

 

Expertenantwort vom 28.09.2021
Rudi Seibt
Rudi Seibt

Dipl.-Ing.; Ingenieurgruppe München

EN12464-1, DIN 1804, DIN 32975:2009-12

Gute Sehbedingungen haben Priorität

Ihre Bedenken äußern Sie sehr zu recht. Die damals für Innenraumbeleuchtung gültige DIN5035 forderte keine anderen Mindestwerte für Flurbeleuchtung als die heute gültige EN12464-1, mit 50 lx als Mindestwert und 100 lx an Problemstellen. Im betreffenden Gebäude kann man diese Mindestwerte hier überall so definieren, sonst gäbe es ja kein Geländer.

Hier dürften vor allem DIN 18040 und andere Normen für die Umgebung von gesundheitlich eingeschränkten Personen (»Behinderte«) relevant sein, deren Inhalt ich mangels Normverfügbarkeit nicht kenne. Diese speziellen Informationen kann Ihnen die Behindertenbeauftragte Ihrer Gemeinde / Ihrer Kreisverwaltung sicher zur Verfügung stellen. Es gibt auch klare Aussagen in DIN 32975:2009-12 Kapitel 4.2.3. Diese Norm legt Anforderungen an die Gestaltung optischer Informationen für den Straßenraum, für öffentlich zugängliche Gebäude beziehungsweise Einrichtungen sowie Verkehrsmittel und -anlagen fest, um damit die Sicherheit, Orientierung und Mobilität für Menschen mit und ohne Sehbehinderung zu verbessern. Ich zitiere daraus einmal folgende Textpassage: »Eine wichtige Rolle bei der Wahrnehmung der Leuchtdichtekontraste von Materialien spielt die Beleuchtung. Eine kontinuierlich gute, der Sehaufgabe angemessene Beleuchtung gewährleistet ausreichende Kontraste in den Dämmer- und Abendstunden. Blendung, spiegelnde Reflexion, Schattenbildung und ungleichmäßige Helligkeiten sind zu vermeiden. Die Beleuchtung sollte die Farben möglichst nicht verfälschen.«

Hohes Gefahrenpotenzial

Diese Normen bzw. Vorgaben sind unabhängig vom Herstellungsjahr, denn vor 45 Jahren haben die Beleuchtungen dort sicher gut funktioniert. Es geht also nicht darum, eine den damaligen Regeln entsprechende Situation wiederherzustellen, sondern darum, wieder eine menschengerechte und menschenwürdige Situation zu erreichen. Diese Situation ist in den aktuellen Regeln nicht anders als vor 50 Jahren beschrieben. Ganz offensichtlich haben die Betreiber der Einrichtung Instandhaltungsmaßnahmen in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt. Natürlich wachsen nun die Kosten bei Verzögerung von Maßnahmen steiler an. Wir sehen das ja auch beim Klimaschutz.

Also ganz klare Antwort auf Ihre Frage: Nein, es genügt nicht, den untauglichen Jetzt-Zustand zusammenzuflicken mit völlig ungenügenden Helligkeitswerten. Der Betreiber einer Einrichtung hat wie jeder Arbeitgeber auch dafür zu sorgen, dass die Sicherheitsregeln eingehalten werden, die zum Betrieb einer Einrichtung vorgegeben sind. Eine jetzt erst festgestellte langjährige Vernachlässigung von Sicherheitseinrichtungen wie z.B. Beleuchtung muss also schnellstmöglich behoben werden. Die bloße Idee, dass in zwei oder fünf Jahren die Einrichtung umzieht (vor dem möglichen Abriss) ist dabei wenig konkret und kein kurzer Zeitraum für ein Provisorium. Als »kurz« könnte man wenige Wochen bezeichnen, wie sie zur Wiederherstellung benötigt werden.

Ihrer Beschreibung von verschmorten Kontakte ist zu entnehmen, dass durchaus auch Brandgefahr bestehen könnte. Auch dies ist kein Zustand, der durch den Betreiber aufrechterhalten werden darf.

Fazit

Was folgt daraus? Sie befinden sich als Fachmann in der Verantwortung. Also weisen Sie Ihren Kunden mit klaren Worten auf den regelwidrigen Zustand hin und fordern ihn zur Abhilfe auf. Bieten Sie ihm Ihre Leistung gleichzeitig mit Budgetkosten an. Ersatzleuchten mit passender Stückzahl in den passenden Austauschmaßen bietet Ihnen Ihr Großhändler als kostengünstigstes Modell an. Bieten Sie eine Position an über den Austausch verschmorter Leitungen bzw. Klemmstellen als Austausch je Stück, Stundenbudget oder Pauschale. Dies sollte ebenso die vorherige Isolationsmessung je Stromkreis beinhalten.

Wenn sich der Betreiber tatsächlich nicht zur Reparatur entschließen kann, sollten Sie die lokale Heimaufsicht informieren – am besten mit cc an den Kunden. Den verlieren Sie dann sowieso. Aber ist das ein guter Kunde, der solche Zustände zulässt?

Rudi Seibt

 

PP21150

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