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Schwierige Fragen aus der Praxis

»de«-Expertenrunde Praxisprobleme (2)

»de«-Expertenrunde: Günter Grünebast, karsten Callondann, Sven Bonhagen, Herbert Schmolke, »de«-Redakteur Michael Muschong, Werner Hörmann, Heinz-Dieter Fröse, Reinhard Soboll (von links)
»de«-Expertenrunde: Günter Grünebast, karsten Callondann, Sven Bonhagen, Herbert Schmolke, »de«-Redakteur Michael Muschong, Werner Hörmann, Heinz-Dieter Fröse, Reinhard Soboll (von links)
zu Teil 1

Das zweite Thema des ersten Beitragsteils wollen wir an dieser Stelle nun zum Abschluss bringen. Dort ging es um die Frage der generellen Forderung nach Errichten eines Fundamenterders für ausnahmslos jedes neue Gebäude.
Werner Hörmann
Wendelstein, ehemals 
tätig bei Siemens 
Erlangen
Werner Hörmann Wendelstein, ehemals tätig bei Siemens Erlangen
Zur Erinnerung: Die DIN 18014:2014-03 beschreibt für alle Gebäude Fundamenterder, unabhängig von der Art des Systems der Erdverbindung. Erhärtet wird dies als Forderung jedoch insbesondere durch den Abschnitt 542.1.1 der DIN VDE 0100-540, welcher Bezug nimmt auf die Ausführung nach DIN 18014. Diese Forderungen sind derzeit normativ ohne Wenn und Aber anzuwenden, dennoch stehen sie auch in der Kritik. Die Expertenrunde kam zum Konsens, dass man die Forderung nach einem Fundamenterder für ausnahmslos alle neuen Gebäude, der in allen Facetten den Anforderungen aus DIN 18014 entsprechen muss, sehr kritisch sieht.

Pauschalforderungen können die Baukosten signifikant in die Höhe treiben. Dafür konnte die Mehrzahl der Experten dieser Runde im Hinblick auf Fundamenterder konkrete Beispiele nennen. Augenmaß und der ständige Blick auf das eigentliche Schutzziel wären hier in der Praxis wohl hilfreicher als eine starre, pauschale Normenforderung. Die Redaktion »de« verweist darauf, dass in »de« weitere Beiträge veröffentlicht werden, die diese Diskussion aus der Sicht verschiedener Standpunkte und Herangehensweisen behandeln.

Vereinfachung mit 80-%-Regel

Ein großes Verständnisproblem ergab sich jüngst mit der sogenannten 80-%-Regel, die in den Normen der Reihe DIN EN 61439 (VDE 0660-600) verankert ist. Diese Regel soll dem Anwender eigentlich ein vereinfachtes Nachweisverfahren für die Erwärmung eines Schaltschranks oder Verteilers liefern. Für eine Schaltgerätekombination mit einem einzigen Abteil und einem maximalen Einspeisestrom von 630 A sowie für Bemessungsfrequenzen bis einschließlich 60 Hz darf ein Nachweis durch Berechnung durchgeführt werden, wenn alle folgenden Bedingungen erfüllt sind:
  • Die Angaben über die Verlustleistung aller eingebauten Geräte liegen von den Geräteherstellern vor.
  • Die Verlustleistung ist innerhalb des Gehäuses annähernd gleichmäßig verteilt.
  • Die Bemessungsströme der Stromkreise der Schaltgerätekombination, die nachgewiesen werden – siehe DIN EN 61439­-1 (VDE 0660-600-1):2012-06, Abs. 10.10.1 –, dürfen 80 % der konventionellen thermischen Ströme in freier Luft (Ith), wenn vorhanden, oder der Bemessungsströme (In) der elektrischen Betriebsmittel im Stromkreis nicht überschreiten. Schutzeinrichtungen der Stromkreise müssen so ausgewählt werden, dass die Abgangsstromkreise angemessen geschützt sind, z. B. Geräte für thermischen Motorschutz bei der berechneten Temperatur in der Schaltgerätekombination.
Heinz-Dieter Fröse
Münster, Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Elektrotechnikerhandwerk
Heinz-Dieter Fröse Münster, Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Elektrotechnikerhandwerk
Das Problem besteht aber darin, dass es kein einheitliches Merkmal für Schaltgeräte und elektrische Komponenten gibt, das den Wert des hier zu veranschlagenden Stroms beschreibt. Für den Nachweis der Erwärmungsgrenzen wird der Strom verwendet, der den Höchstwert des Dauerbetriebsstroms darstellt, der ohne Überhitzung geführt werden kann. Dies ist z. B. für Schütze der Bemessungsbetriebsstrom Ie AC1 und für Leistungsschalter der Bemessungsstrom In.

Im Beitrag »Steckdosenabgänge in Verteilern« in »de« 22.2016, S. 32 ff., wurde der bestehende Widerspruch am Beispiel eines Wohnungsverteilers diskutiert, aus dem eine 63-A-CEE-Steckdose gespeist werden sollte. Das in diesem Beitrag geschilderte Problem stellt eine typische Situation dar, bei der Anwender oft ratlos sind. Denn man dürfte nach dem strengen Wortlaut der Norm diese Steckdose innerhalb eines Wohnungsver­teilers nicht mit einem 63-A-LS-Schalter schützen.

Hörmann: »Wenn ich einen Stromkreis berechne und die 80-%-Regel anwende, dann besteht das Problem insbesondere für Leitungsschutzschalter. Die Berechnung des Leiterquerschnitts stellt hingegen kein Problem dar. Jedoch wenn ich einen Leitungsschutzschalter nur zu 80 % ausnutzen darf, dann ist das ja realistisch nicht machbar.
Karsten Callondann
Berlin, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. – GDV
Karsten Callondann Berlin, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. – GDV
Deshalb betrachte ich persönlich die 80 % auch nur als dahingehenden ‚Warn­schuss‘, dass bei der Auswahl der Betriebs­mittel die normativen und die physikalischen Gegebenheiten sowie die Herstellervorgaben zu beachten sind. In der Praxis ist davon auszugehen, dass man einen Stromkreis für eine Steckdose nicht dauernd mit z. B. 63 A belasten kann. Das hält weder die Steckdose noch der eingebaute Leitungsschutzschalter auf Dauer aus.

Sollte es z. B. einen Verbraucher geben, der dauernd – d. h. über 24 h – eine Belastung mit 63 A hervorruft, dann besteht nur die Möglichkeit, diesen Verbraucher fest anzuschließen und dafür entsprechend hö­her dimensionierte Betriebsmittel auszuwählen. So kann z. B. der Überstrom-­Schutz mit einem Leistungsschalter eines entsprechend höheren Bemessungsstroms erfüllt werden. Der Schutz bei Überlast kann dabei entsprechend niedriger – d. h. 80 % oder weniger –, z. B. auf 63 A, eingestellt werden.«
Herbert Schmolke
Köln, Referatsleiter VdS Schadenverhütung
Herbert Schmolke Köln, Referatsleiter VdS Schadenverhütung
Fröse: »Ich verstehe den Sinn der 80-%-Regelung auch noch anders. Die Zielrichtung besteht doch sicher darin festzustellen, wie hoch der Wärmeeintrag ist, den die Ströme hervorrufen, die durch meine Verteilung fließen. Man soll also im Prinzip 25 % auf die Bemessungströme draufschlagen, damit das dann höher dimensionierte Betriebsmittel nur bis zu 80% belastet werden kann und entsprechend weniger Verlustwärme an die Verteilung abgibt.«

Hörmann: »Das Problem ist aber, dass man es zwar so für sich herleiten könnte, es aber vom Wortlaut so nicht in der Norm drin steht.«

Alle Experten dieser Runde einigten sich dahingehend, dass die Dimensionierung der Leiterquerschnitte eines Schaltschrankes so erfolgen muss, dass Ihre mögliche Strombelastbarkeit nur zu 80 % ausgenutzt wird. Es bleibt aber leider das Verständnisproblem bestehen, dass man ja beispielsweise einen Leitungsschutzschalter nicht mit 80% bemessen kann. Dahingehend erscheint die Formulierung in der Norm missverständlich zu sein.

Betriebsmittel im Bereich 1 von Badezimmern

Gegenüber der derzeit gültigen »Badezimmernorm« DIN VDE 0100-701 (VDE 0100-701):2008-10 sind im aktuellen Entwurf E DIN IEC 60364-7-701 (VDE 0100-701):2016-11 acht wesentliche Änderungen vorgesehen, wovon wir hier drei hervorheben möchten:
  • ein Bereich 3 wurde eingeführt
  • die Restwandtiefe wurde auf die Bereiche 1 und 2 begrenzt
  • der Bereich 1 lässt nun Leuchten mit 230 V zu, wenn deren Leuchtmittel nicht auswechselbar sind.
Die Expertenrunde griff insbesondere den zuletzt genannten Punkt hinsichtlich des Bereichs 1 auf. Es dürfen dort gemäß des Norm-Entwurfs elektrische Verbrauchsmittel nur errichtet werden, wenn diese fest angebracht und fest angeschlossen sind. Diese Betriebsmittel sind entweder:
  • Betriebsmittel geschützt durch Kleinspannung mittels SELV oder PELV mit einer Nennspannung, die AC 25 V oder DC 60 V nicht überschreitet, oder
  • Leuchten mit nicht auswechselbaren Leuchtmitteln oder andere Betriebsmittel, geeignet für die Errichtung im Bereich 1 entsprechend der Herstellervorgaben für die Verwendung und Montage.
Reinhard Soboll
BFE ­Oldenburg, 
Bereichsleiter, ö. b. u. v. Sachverständiger
Reinhard Soboll BFE ­Oldenburg, Bereichsleiter, ö. b. u. v. Sachverständiger
Insbesondere der zweite Punkt regte die Diskussion an. Denn das ist neu, dass prinzipiell beliebige Betriebsmittel im Bereich 1 zugelassen werden. Die diesbezügliche Nachfrage bei den Kunden ist vor allem für die Ausstattung luxuriöser Bäder groß. Allerdings muss der Hersteller die Eignung seiner Produkte konkret vorgeben. Tut er das, so darf der Errichter dies künftig als gegeben und erlaubt annehmen.

Callondann: »Diese Normenvorgabe ist wirklich positiv zu bewerten, da hiermit eine klare Ansage gemacht wurde. Nicht der Errichter muss entscheiden, ob ein Gerät im Bereich 1 eingesetzt werden kann, sondern die Verantwortung dafür liegt eindeutig beim Hersteller. Er bietet schließlich ein Produkt an und will damit Geld verdienen. Demzufolge muss er sich auch mit allen Konsequenzen damit befassen, ob die Sicherheit seines Produkts im Bereich 1 gegeben ist.«
Sven Bonhagen
BFE Oldenburg, Dozent in der Meister- und Fachplanerausbildung
Sven Bonhagen BFE Oldenburg, Dozent in der Meister- und Fachplanerausbildung
Schmolke: »Der Hersteller ist aufgrund der Produkthaftung für sein eigenes Produkt verantwortlich. Das bezieht sich immer auf den vorgesehenen Anwendungsbereich. Den muss er ganz klar definieren. Dazu gehört auch die klare Aussage, ob sein Produkt für den Bereich 1 des Badezimmers geeignet ist. Der Anwendungsbereich muss klar vorgegeben sein.«

Hörmann: »In der Vergangenheit haben wir leider häufig erlebt, dass die Herstellerangaben sehr ungenau waren. Das kann in diesem Fall nicht mehr so hingenommen werden, sondern die Herstellerangaben müssen künftig sehr konkret ausfallen.«

Abschließend wurde beim Thema Badezimmernorm noch das Problem angesprochen, dass es immer noch einen Widerspruch hinsichtlich der Elektroinstallation in begrenzenden Wänden von Badezimmern gibt. Im Abschnitt 701.522.8.101 des aktuellen Entwurfes E DIN IEC 60364-7-701 (VDE 0100-701):2016-11 wird das zunächst konkretisiert: Alle anderen Kabel- und Leitungsanlagen, einschließlich der Installationsgeräte, eingebettet in Teilen von Wänden oder Abtrennungen, die die Bereiche 0, 1 oder 2 begrenzen, müssen mindestens 6 cm tief von den Bereichen eingebettet sein.

Kommen  Kabel- und Leitungsanlagen dennoch unter die Restwandstärke von 6 cm, dann sind sie zulässig, wenn man sie mit RCDs mit einem Bemessungsdifferenzstrom nicht größer als 30 mA schützt. Der Widerspruch des  neuen Normenentwurfs zeigt sich aber schnell: Man darf z. B. innerhalb des Bades im Bereich 1 oder 2 mit RCD geschütze Leitungen verlegen, während man an der selben Stelle auf der Rückseite der Wand keinen Schalter setzen darf (selbst wenn dieser Stromkreis über RCD geschützt ist), wenn man die Restwanddicke von 6 cm nicht einhalten kann.

Fazit

Günter Grünebast
Norden, Leiter der 
Produktentwicklung bei Döpke
Günter Grünebast Norden, Leiter der Produktentwicklung bei Döpke
Dieser zweiteilige Beitrag konnte nur einen Ausschnitt aus der vielfältigen Diskussion der Expertenrunde abbilden. Die Redaktion hat hierzu einige markante Punkte herausgegriffen, die für den Leser von Bedeutung sein können. Wie ein roter Faden zieht sich die Erkenntnis durch die gesamte Expertendiskussion, dass die hier besprochenen Normen auch für Experten zum Teil nicht eindeutig zu lesen und verstehen sind. Daraus könnte man sicher einen Nachholbedarf z. B. an besseren Formulierungen, konsequenterer Anwendung definierter Begriffe oder auch prägnanteren Texten ableiten.

Aufgrund der hier auch diskutierten Widersprüche – oder gar einer »Überraschung«, wie im  Falle des Brandschutzschalters (siehe erster Beitragsteil) – wäre es auch allen Lesern anzuraten, sich regelmäßig mit Normenentwürfen zu befassen. Die eine oder andere Widersprüchlichkeit ließe sich so im Vorfeld bereinigen, bevor sie überhaupt in einer gültigen Norm steht und sich der Fachbetrieb dann erst während einer Angebotsabgabe oder Auftragsabwicklung damit herumplagt.

Dies setzt allerdings die aktive und dauerhafte Mitwirkung der Normenanwender, also der ganz »normalen« Elektrofachkräfte, voraus. Diese können nämlich entsprechende Einwände innerhalb der Einspruchsfrist (i. d. R. zwei Monate) an das zuständige DKE-Normungsgremium stellen. Auf dem Deckblatt des jeweiligen Normenentwurfs finden sich immer die dafür notwendigen Angaben. Jeder Elektrofachbetrieb kann im Rahmen des Abonnements der VDE-Normenbibliothek die Option »Entwürfe« hinzubuchen, sodass dann zeitnah sämtliche Normenentwürfe vollständig vorliegen.
Expertenrunde
In unseren Expertenrunden diskutieren namhafte Fachleute zu aktuellen Themen. Gibt es ein Thema, das Sie besonders interessiert, das wir einmal im Rahmen einer Expertenrunde aufgreifen sollten? Dann senden Sie uns bitte eine E-Mail mit dem Betreff »Expertenrunde« an: redaktion@elektro.net

 

(Ende des Beitrags)

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Über den Autor
Michael Muschong
Dipl.-Ing. (FH) Michael Muschong

Redakteur der Fachzeitschrift »de«

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