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Der Arbeitsbelastung gewachsen sein

Resilienz – Nervenstärke bei Stress

Resilienz – Nervenstärke bei Stress
(Bild: Fokussiert – stock.adobe.com)

Stoßzeiten und Personalnotstand führen auch im Elektrohandwerk zu Druck und Hektik. Stress ist generell nichts Schlechtes, er weckt Leistungsreserven, man läuft zur Höchstleistung auf, wie ein Sportler bei der WM. Stress wird aber unangenehm erlebt, die Freundlichkeit leidet und durch die Hektik entstehen Fehler im Arbeitsablauf. Was tun, wenn Stress unvermeidbar ist?

Resilienz – die innere Widerstandskraft verbessern

Der Begriff Resilienz stammt aus dem lateinischen »resilire« und bedeutet »zurückspringen« oder »abprallen«. Damit werden die inneren Kräfte bezeichnet, die helfen, nach den starken Arbeitsbelastungen an einem langen Tag und nach einer Portion Ärger wieder den normalen Modus zu finden. Es geht dabei nicht um die Reduzierung von Problemen, sondern wie man sie mental verarbeitet, um nach der Belastung schnell wieder das Gleichgewicht zu finden. Je stärker die Ausprägung der Resilienz, der Widerstandskraft, desto eher findet man nach einer  Belastung wieder Gelassenheit, das Gleichgewicht. Wenn sich Stressoren nicht beseitigen lassen, hilft nur, die Widerstandskraft zu erhöhen. Der Organismus legt sich eine »Schutzschicht gegen Stress« zu. Belastbarkeit ist trainierbar, so wie man den Organismus trainieren kann, mit Hitze oder Kälte gut klarzukommen.

Sorgen um die Zukunft können zur mentalen Belastung führen. Die eigene Widerstandkraft dagegen zu stärken, erfordert zwei Grundhaltungen: die Akzeptanz der schwierigen Situation, und den Optimismus trotz der Probleme. Man soll sich nicht gegen Umstände auflehnen, die nicht änderbar sind, z. B. Personalnotstand, steigende Preise und höhere Kosten, anspruchsvolle Kunden, immer mehr Vorschriften und Gesetze. Nach dem Achtsamkeitsprinzip kommt es darauf an, vor mentalen Belastungen Schutzfaktoren (Protektoren) zu finden.
Es geht darum, in den arbeitsfreien Stunden die innere Batterie aufzuladen, so wie ein E-Auto an der Ladestation. Zwanzig Minuten Ladezeit reichen dann wieder für über 200 km Fahrt. Ein stressfreies Wochenende reicht dann wieder für die nächste Arbeitswoche.

Das Problem

Ein Mitarbeiter kommt trotz Abmahnung wieder zu spät. Das Finanzamt will eine Steuernachzahlung. Ein Kunde reklamiert Lieferung und Montage. Die Energiepreise steigen. Ein Lieferant macht Schwierigkeiten mit einer Lieferung. Und dann noch der tägliche Stress. Wie kann man da noch gelassen und cool bleiben?

Das »Chairperson-Prinzip«

Dauer-Probleme können zu psychosomatischen Beschwerden führen. Zwischen dem Nachdenken und Grübeln gibt es eine Alternative: Man nimmt Probleme wahr und reguliert sie durch das »Chairperson-Prinzip«. Man denkt dabei: »Ich mache mir meine innere Einstellung sofort bewusst und entscheide mich für mehr Gelassenheit.« Es hat sich bewährt, die Gefühle durch Selbstgespräche zu steuern. Man kann sich genauso gut entscheiden, sich nicht zu ärgern. Statt sich mit dem Anlass des Ärgers zu befassen, beschäftigt man sich besser mit sich selbst, mit den eigenen Gefühlen, mit der Erregung und der Wut. Für Ärger, der sich in Sekunden aufbaut, braucht man meist eine halbe Stunde zum Abbau.

Gefühle werden schon beim Aufkommen wirksam ausgebremst, so wie beim Autofahren, wo man bei geringem Tempo schneller zum Halten kommt. Probleme und Enttäuschungen sind nicht grundsätzlich etwas Schlechtes, sondern ein Hinweis, dass etwas nicht in Ordnung ist. Die Dynamik des Ärgers schadet der Gelassenheit, in dieser Situation ist der Gedanke nach einer Lösung versperrt.

Verlorene Gelassenheit hängt nur selten mit einem einzelnen Fall zusammen, sondern ist die Folge mehrerer Ereignisse, bei denen sich eine negative Stimmung aufbaut, die man nicht mehr im Griff hat. Vieles liegt an der Wahrnehmung und Bewertung einer schwierigen Situation. Sieht man das bestehende Problem aus einer anderen Perspektive, verliert es an Bedeutung.

Entspannung durch Work-Life-Balance

Bild 1: Bei der richtigen Work-Life-Balance ist das Verhältnis zwischen Arbeitsbelastung und Entlastung im Freizeitbereich ausgeglichen
Bild 1: Bei der richtigen Work-Life-Balance ist das Verhältnis zwischen Arbeitsbelastung und Entlastung im Freizeitbereich ausgeglichen

Als »Work-Life-Balance« bezeichnet man den Ausgleich zwischen Arbeit und Ruhe. Vieles im Leben besteht in einer Dualität: Tag und Nacht, Theorie und Praxis, Winter und Sommer, Ebbe und Flut, Arbeit und Freizeit. Jedes dieser Paare bildet ein Gleichgewicht, keiner der Pole kann auf Dauer ohne den anderen sein. Mit dem Harmonieprinzip »Anspannung–Entspannung« verhindert man ein Zuviel an Arbeit.

Die goldene Mitte heißt »Balancing«, gemeint ist ein bewusstes und gezieltes Hin-und-her-Pendeln zwischen der Arbeit, Work-in und der Freizeit, Work-out (Bild 1). Häufig kommt es zu einem unbemerkten Anstieg des Anspruchsniveaus, entweder durch steigende Erwartungen der Kunden oder durch Konkurrenzdruck. Höchstleistungen können meist noch über einige Zeit mit Mühe aufrechterhalten werden. Wenn große Anforderungen länger anhalten, nimmt die Belastbarkeit rapide ab, und es kommt zu einem allmählichen Leistungsabfall. Workaholiker gestehen sich nicht ein, dass ihre persönlichen Kapazitäten, begrenzt sind. Auf Dauer geht die Fähigkeit abschalten zu können, verloren.

Wer sein Leben dauerhaft auf Arbeit und Erfolg ausrichtet, läuft Gefahr, in Aktionismus zu verfallen und die Belastungsgrenze unbemerkt zu überschreiten: immer mehr…, immer weiter…, immer besser…, immer schneller…, immer höher.... Über einen kurzen Zeitraum kann man das verkraften, oder auch in einer Ausnahmesituation. Große Motivation führt schnell zur Überschätzung der eigenen Kräfte und Überschreitung der Grenzen.

Tempozunahme bei der Arbeit führt zu starkem Verschleiß und Erhöhung der Fehlerquote. Es ist wie im Straßenverkehr, wo hohes Tempo riskant sein kann. Workaholiker  haben das Verhältnis zur normalen Arbeitszeit und zum Arbeitstempo verloren. Work und Life sind nicht ausbalanciert, wenn sie sich gegenseitig behindern (»life-domains conflict«). Bei gegenseitiger Unterstützung (»life-domains facilitation«) stimmt der Ausgleich.

Atmung baut Spannungen ab

Bei Stress wird die Atmung unbewusst flach, gepresst und das Hirn wird auf Dauer unzureichend mit Sauerstoff versorgt. Beim richtigen Atmen spielt der ganze Körper mit, alle Organe werden beeinflusst, es stellt sich Gelassenheit ein. Richtige Atmung ist die Basis für mehr Gelassenheit und eine gute Möglichkeit, innere Spannungen abzubauen. Ideal ist es, wenn man ein Bewusstsein für die Atmung entwickelt, wenn man spürt, ob man flach oder unregelmäßig atmet.  

Gerade bei großer Belastung macht man es falsch, atmet nicht mehr voll durch, hält für Sekunden sogar die Luft an. Bei häufiger Anspannung verändern sich die natürlichen Atemgewohnheiten dauerhaft. Vor allem das Ausatmen, der Abtransport des verbrauchten Sauerstoffs, wird dann vernachlässigt. Ein- und Ausatmen ist ein unbewusster Vorgang, der ins Bewusstsein kommen muss, um ihn zu regulieren. Sauerstoff ist beim Atmen die einzige »erneuerbare Energie«, die grenzenlos zur Verfügung steht. Sie kostet nichts und bringt viel.

Volle Pulle für Gelassenheit

Psychologen empfehlen die Exit-Strategie, einen Ausgang aus der Arena des Ärgers zu suchen. Durch ein klares »Ende« oder »Stopp« steigt man aus der negativen Gedankenwelt aus und bemüht sich aktiv um Gelassenheit. Warum über einen Fall ärgern, wenn es sich vielleicht nur um einen Einzelfall dreht? Um mental gerüstet zu sein, muss Positives ins Langzeitgedächtnis.

Mit sich selbst positiv zu kommunizieren, rückt Negatives in den Hintergrund. Das funktioniert nur, wenn man sich aktiv dafür entscheidet, Ärger und negative Gedanken zu beenden. Oder wenigstens zeitlich zu limitieren. Erfreulich, dass dies vielen gelingt. Im Mittelpunkt der Überlegungen steht das Positive: Es gibt mehr angenehme Arbeiten als schwierige. Es gibt mehr Erfolge als Misserfolge. Es gibt mehr Positives als Negatives. Es klappen mehr Dinge, als dass sie fehlschlagen. Es gibt mehr zufriedene Kunden als Reklamationen.

Take Home Message

Stellen Sie sich vor, Ihr Kopf ist die Speicherplatte und Sie nehmen die Maus und führen Sie auf »Löschen«. Dort klicken Sie. Hinter Problemen steht die Frage, wie man sich schnell wieder positiv aufbaut. Für die einen hilft es, sich auszusprechen, andere sagen, man steigert sich in das Negative hinein, wenn man mit jemandem darüber spricht. Nur ein Teil unserer Befürchtungen treten tatsächlich ein. Eine optimistische Einstellung hilft, positive Ereignisse verstärkt wahrzunehmen.

Programm für effiziente Maßnahmen
  1. Probleme als Teil des Lebens akzeptieren
  2. Vertrauen darauf, dass es besser wird
  3. nur realistische Ziele verfolgen
  4. sich nicht diktieren lassen von Schwierigkeiten
Über den Autor
Autorenbild
Dipl.-Betriebswirt Rolf Leicher

Fachjournalist, Heidelberg

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