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90 Jahre im Dienst des Elektrohandwerks

Von alten Zöpfen und neuen Ufern

Quelle: Elektroinnung Nürnberg
Quelle: Elektroinnung Nürnberg
Vor mir steht ein lässiger Typ mit schulterlangen Haaren, Jeans, Sweatshirt und der Brille im Haar. Jürgen Müller, Geschäftsführer der Innung, mag es gerne locker und kollegial und vertritt diese angenehme Offenheit auch nach außen hin. Sein Team (Bild 1) profitiert davon und so macht die Arbeit in dem 2010/2011 modernisierten Gebäude (Bild 2) einfach Spaß. Dieses »Schnellboot«, wie Müller seine Institution bezeichnet, hat sich vor einigen Jahren zu »neuen Ufern« aufgemacht:»Wir sollten uns nicht nur die Frage stellen ‚Wo wollen wir hin‘, sondern auch die Frage ‚Wo kommen wir her‘ und das bringt mich auf den Ansatz, dass hier ein paar ‚alte Zöpfe‘ abgeschnitten werden müssen. Standesdünkel sind einfach nicht mehr zeitgemäß und wir wollen deswegen nicht nur unter Elektrohandwerkern bekannt sein, sondern in der gesamten Öffentlichkeit.«

Ein moderner Ansatz in einer eher traditionell ausgerichteten Umgebung: die wechselvolle Geschichte der ehemals »deutschesten aller Städte« ist vielen bekannt, die Geschichte der Elektroinnung ist die folgende.

Gründung während der Weimarer Republik

Bild 2: Das Gebäude, wie es sich derzeit dem Betrachter präsentiert
Bild 2: Das Gebäude, wie es sich derzeit dem Betrachter präsentiert
Das offizielle Gründungsdatum war der 12.3.1926. Ein schlichter Aktendeckel (Bild 3) zeugt zumindest vom Gründungsjahr. In der ersten Satzung oder dem Statut – wie es damals hieß – gab es Vieles, was sich von der heutigen Satzung nicht wesentlich unterscheidet. Dennoch muten natürlich Aufgaben wie unter Punkt 2 »Die Förderung eines gedeihlichen Verhältnisses zwischen Meistern und Gehilfen sowie die Fürsorge für das Herbergswesen« etwas verstaubt an.

Dem Stadtrat von Nürnberg wurde am 12.5.1926 dann der erste Vorstand der neugegründeten Innung vorgelegt, bestehend aus dem ersten und zweiten Obermeister, einem Schatzmeister und einem ersten und zweiten Schriftführer. Die erste Adresse war übrigens der Kirchenweg 35 und man war mit einem Tages- und Nachttelefon ausgestattet; ein durchaus moderner Ansatz. Ganz und gar »unmodern« die fünfstelligen Telefonnummern, von denen man heute nur träumen kann.

Von 1933 bis 1945 erfolgte eine Gleichschaltung aller Innungen, ganz egal aus welchem Gewerk sie kamen. Man unterlag fortan einer strengen Kontrolle durch die nationalsozialistischen Herrscher. Dass aus dieser Zeit nur noch wenig Archiv- und Informa­tionsmaterial existiert, liegt auch an der einen Nacht des 2.1.1945. Nach den massiven Luftangriffen der Alliierten glich Nürnberg einem Schutthaufen und sämtliche Unterlagen der nicht einmal zwanzigjährigen Innung gingen verloren.

Aufbau und Wiederbeginn

Bild 3: Der Beginn – ein schlichter brauner Aktendeckel dokumentiert die Geburtsstunde der Innung
Bild 3: Der Beginn – ein schlichter brauner Aktendeckel dokumentiert die Geburtsstunde der Innung
Noch im selben Jahr des Kriegsendes wurde die Innung durch den damaligen Obermeister mit vier Kollegen erneut aus der Taufe gehoben und bekam auch gleich räumlichen Zuwachs: Seit diesem Zeitpunkt trägt sie sowohl die Stadt Nürnberg als auch die Stadt Fürth in ihrem Namen. Die erste Geschäftsstelle war in der Nunnenbeckstraße, wo man bis in das Jahr 1970 blieb.

Eines war auch den »zweiten« Gründungsvätern eigen: In Nürnberg war man sich der großen Wichtigkeit einer guten Ausbildung absolut bewusst und unterstrich dies durch die erste überbetriebliche Unterweisung von Auszubildenden im Jahr 1972 in eigenen Räumen in der Singerstraße.

Die Neuordnung der Ausbildungsrahmenpläne 1974 und die größer werdende Anzahl von Azubis machten Räume mit neuer technischer Ausstattung unabdingbar. Diese brachte man schließlich im Haus der Kreishandwerkerschaft mit der entsprechenden Ausrüstung unter.

 

Heutiger Standort

Ein Grundstück von der Stadt, eine rasche Planung und Umsetzung: Die Innung für Elektro- und Informationstechnik Nürnberg-Fürth weihte 1985 den Neubau ihres heutigen Standorts in der Georg-Hager-Straße ein. Doch auch hier sollte schon bald der Platz knapp werden, eine Erweiterung musste her und das – wie so oft – mit möglichst kleinem finanziellem Aufwand.

Durch die Förderung mit öffentlichen Mitteln und einem Eigenanteil von 30 % der Gesamtsumme konnte man das Gebäude weiter ausbauen und sich schließlich – am 24.4.1998 und nach knapp einjähriger Bauzeit – über drei neue, große und modern eingerichtete Kursräume freuen.

Energetische Modernisierung

Der Zahn der Zeit nagt mittlerweile immer schneller. So wenig Zeit auch seit dem letzten Bauprojekt vergangen war, in den Jahren 2010 bis 2011 ging man wieder neue Wege: Die Bausubstanz machte es unabdingbar, die Energieeffizienzklasse neu zu überdenken: »Unser Ziel war es, dass wir mindestens die Klasse C erreichen. Gestartet sind wir mit der Effizienzstufe H (…) und haben inzwischen die Energieeffizienzklasse A+. Somit reduzierte sich unsere Heizungsrechnung um den Faktor 10«,  sagt Josef Braun, Obermeister der Innung nicht ganz ohne Stolz. Erreicht wird dies unter anderem auch durch ein konsequentes Energiemonitoring.

Und er fügt hinzu: »Allerdings muss man sagen, dass wir hier durch den Standort und in Bezug auf die kontrollierte Raumlüftung ein Problem haben, und zwar die hohe Staubkonzentration der Außenluft bedingt durch die direkt vor dem Haus verlaufende Autobahn. Der positive Effekt der Lüftung ist, dass unsere Auszubildenden weniger einschlafen.«

Die Zukunft heißt: Kooperation

 Bild 4: Roland Paulus, stellvertretender Obermeister der Elektroinnung
 Bild 4: Roland Paulus, stellvertretender Obermeister der Elektroinnung
Klingt zunächst nichtssagend, ist aber im Fall der Nürnberger Innung sehr ernst gemeint: »Wir verfügen inzwischen über ein umfangreiches Netzwerk an Kooperationen in der Region, in Bayern, in Deutschland und bis nach Südtirol. Mit unserem Bildungszentrum ‚Z.E.I.T.‘ (Zentrum für Elektro- und Informa­tionstechnik) sind wir seit nunmehr zehn Jahren einer von sechs deutschlandweiten Partnern des ‚ELKOnet‘. Meiner Meinung nach müssten sich die Elektrobetriebe weiter öffnen und auch andere Gewerke in ihr Leistungsspektrum aufnehmen. Das könnte beispielsweise ein Betrieb aus der Anlagentechnik sein, der SHK- und Elektrotechnik mit intern differenzierten Abteilungen anbietet«, sagt Jürgen Müller mit überzeugtem Blick.

Roland Paulus, stellvertretender Obermeister (Bild 4), ergänzt: »Den ‚klassischen‘ Elektriker wird es in Zukunft nicht mehr geben. Der Endkunde möchte inzwischen am liebsten alles aus einer Hand und das am besten zu einem Pauschalpreis (…). Der Elektrotechniker muss fit gemacht werden, so dass er dem Kunden ein Komplettangebot geben kann. Leider hinkt da das Elektrohandwerk gegenüber anderen Gewerken ein wenig hinterher. Hier wollen wir verstärkt ansetzen und dem Elektrohandwerker die veränderten Marktbedingungen und Kundenwünsche klar machen.«

Ein nachvollziehbarer Ansatz, den man augenblicklich so unterschreiben würde. Doch nach dem Gespräch bin ich mir sicher: es wird hier in Nürnberg-Fürth nicht nur bei einem Ansatz bleiben, sondern dieser Denkanstoß wird mit Leben gefüllt werden.

Doch nun ist erst einmal auch ein wenig Feiern angesagt. Offizieller Anlass ist der 16.9.2016 in den Räumen der Elektroinnung, in der Georg-Hager-Straße 6 in Nürnberg. Wir wünschen hierzu »Alles Gute«!
Über den Autor
Autorenbild
Marcel Diehl

Redaktion »de«

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