Frauen in der E-Technik:

Anja Piehler

12. Februar 2019

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Weiterhin ist der Anteil von Frauen in unserer Branche sehr gering. Umso erfreulicher, dass es Elektronikerinnen wie Anja Piehler gibt. Sie ist mit Herzblut dabei und strahlt dies auch aus. Dabei ging ihr erster Berufswunsch in eine völlig andere Richtung.

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Bild 1: Zwar stehen die Gebäude an der berühmten »grünen Wiese«, sind architektonisch jedoch weit von der üblichen Betonoptik entfernt; Quelle: Witron

Bild 1: Zwar stehen die Gebäude an der berühmten »grünen Wiese«, sind architektonisch jedoch weit von der üblichen Betonoptik entfernt; Quelle: Witron

Beim Näherkommen wird dem Betrachter gleich eines gewiss: das Örtchen Parkstein in der Oberpfalz, in der Nähe von Weiden, besteht zu vielen Prozent aus der Firma Witron Logistik + Informatik GmbH (Kastentext). Doch wer jetzt denkt, wieder so ein grauer Betonklotz, der irgendwo am Ortsrand auf einer Wiese steht, sieht sich getäuscht: bei Witron ist allein schon die Architektur bemerkenswert (Bild 1).

Hier hat Anja Piehler den Beruf »Elektronikerin Fachrichtung Automatisierungstechnik« gelernt und das im Rahmen eines Dualen ­Studiengangs in der Elektro- und Informationstechnik, den sie im ­August dieses Jahres abschließen möchte. Was sie zur Elektrotechnik gebracht hat, was ihr besonders Spaß macht und wie sie sich ihre Zukunft vorstellt, erfuhren wir im Gespräch mit ihr und ihrem Ausbildungs­betreuer Thomas Hörig und bei einem Rundgang durch das Werk (Bild 2).

Der Weg zur Ausbildung

Bild 2: In der Fertigungshalle demonstriert die junge Frau dem ­Redakteur, was ihre ersten Schritte während der Ausbildung waren – Thomas Hörig hört aufmerksam zu

Bild 2: In der Fertigungshalle demonstriert die junge Frau dem ­Redakteur, was ihre ersten Schritte während der Ausbildung waren – Thomas Hörig hört aufmerksam zu

Anja Piehler stammt aus einer Familie in der gerne angepackt wird. Der Vater, ein ausgebildeter Schlosser, stand dafür Pate. »Ich bin damit aufgewachsen, dass man etwas in die Hand nimmt und z. B. einen Nagel selbst in die Wand klopft. Von dem hergesehen, hatte ich nie eine Abneigung gegen handwerkliches Arbeiten, im Gegenteil: mir macht das einfach Spaß !«

Damit ist »frau« aber nicht gleich eine Elektronikerin, denn der eigentliche Berufswunsch war Krankenschwester. Diesbezüglich kam die Wende während eines Praktikums noch während der Realschule: »Als ich damit begonnen hatte, dachte ich nur, oh mein Gott, nein, nur das nicht! Danach gingen bei mir die Überlegungen los, was mir eigentlich Spaß macht und da merkte ich, dass mir zum Beispiel das Rechnen, speziell der Umgang mit elektrotechnischen Themen ­während des Physikunterrichts, einfach lagen.«

Die schulische Ausbildung führte sie nach der Realschule zunächst auf die Fachoberschule (FOS). Warum? Der Grund war einfach: »Ich war, wie gesagt, in Mathe gut und auch Physik lag mir«, so die junge Frau »und während der FOS mussten wir auch mehrere Praktika absolvieren. Die waren in einem Elektrobetrieb. Maschinenbedienung oder Metallbearbeitung waren nicht so mein Ding, als es aber während des Praktikums an das Programmieren einer Logo-Steuerung ging merkte ich, das taugt mir!«

Ausbildung bei Witron Logistik + Informatik

Die Firma Witron ist ein inhabergeführtes Unternehmen, was sich seit der Gründung 1971 durch Dipl.-Ing Walter Winkler zu einem »Global Player« in Sachen innovative und wirtschaftliche Lager- und Kommissioniersysteme entwickelt hat. Mittlerweile hat Witron weltweit ca. 3100 Mitarbeiter, die einen Jahresumsatz von etwa 515 Mio. € erwirtschaften.

Das Motto ist: »Fordern und Fördern«. So wird Ausbildung bei Witron großgeschrieben aus einem einfachen Grund: in einer ländlich geprägten Umgebung ist ein gut ausgebildeter und motivierter Mitarbeiter die Basis für jeden Betrieb. Deswegen will man den Bedarf an Fachkräften durch eine interne Ausbildung selbst decken und kümmert sich intensiv um den Fachkräftenachwuchs.
Die daraus resultierenden Zahlen sind beachtlich:

  • der Anteil an Azubis zur Gesamtbelegschaft im Werk Parkstein beträgt mindestens 15 %
  • jährlich kommen im Schnitt etwa 65 neue Azubis hinzu
  • derzeit werden 221 junge Frauen und Männer in 15 Berufen ausgebildet, elf Auszubildende sind internationaler Herkunft
  • insgesamt legten mittlerweile über 1400 Mitarbeiter erfolgreich die Prüfung ab (international 41) mit guter Übernahmeperspektive

Das duale Studium

  • startet jeweils am 1.9. eines jeden Jahres
  • die gesamte Ausbildungsdauer beträgt 4,5 Jahre
  • ist an einer regionalen Hochschule
  • erfordert eine allgemeine oder fachgebundene Fachhochschulreife und gute Noten im technischen und mathematischen Bereich

Ablauf des dualen Studiums

Quelle: Witron

Bild 3: An den beruflichen Herausforderungen, die ein RFZ (im Hintergrund) bietet, hat Anja Piehler nach eigenen Aussagen »einen Narren gefressen«

So war der Weg geebnet in Richtung eines Studiengangs. Warum aber ein Verbundstudium bei Witron? Das lag sowohl an der räumlichen Nähe des Betriebs zu ihrem Heimatort als auch schlicht an den guten Möglichkeiten, die ein duales Studium bietet. Doch der Beginn ist zunächst nicht einfach. Thomas Hörig dazu: »Man steigt in der Berufsschule direkt in das zweite Ausbildungsjahr ein und muss sich den Stoff des ersten Jahres selbst erarbeiten. So ist bereits am Ende des ersten Lehrjahres die Gesellenprüfung Teil 1. Nach diesem Jahr geht es zum Studieren. Während der Semester­ferien arbeitet der duale Student in der Firma.« Und Anja Piehler ergänzt: »Man hat dadurch das dritte Ausbildungsjahr arbeitsmäßig während der Semesterferien im Betrieb.«

»Ab dem Moment, in dem die Auszubildenden zum Studium gehen, sind sie in einer anderen Abteilung. Wir teilen sie dann auf in Projekte, die möglicherweise schon auch Inhalte der späteren Bachelor-Arbeit haben können. Außerdem setzen wir sie in der Entwicklungsabteilung ein, um das höhere theoretische Level für uns nutzen zu können. Hier entscheidet sich dann, in welche zukünftige Richtung die Studierenden gehen. Hierzu stehen uns dann mehrere und vom Inhalt unterschied­liche Kompetenzzentren zur Verfügung«, führt Thomas Hörig aus.

Doch was heißt eigentlich »Entwicklung«, wenn man oder frau (noch) in der Ausbildung stecken? Anja Piehler hierzu: »Zu Beginn der Semesterferien gibt es ein gemeinsames Gespräch mit den Betreuern, welche Themen anstehen. Hier sucht man sich eines aus und bearbeitet das selbständig, wobei es auch möglich ist, eigene Ideen einzubringen. Das sieht so aus, dass ich entweder am Rechner sitze, etwas recherchiere oder programmiere, damit dann ins Testlabor ­gehe und ggf. auch in die Fertigung, um einen Prototyp aufzubauen und auszuprobieren.«

Steckenpferd der jungen Elektro- und Informationstechnikerin ist das sogenannte »RFZ«, also das Regalfahrzeug (Bild 3). Das ist in der heutigen Zeit nicht mehr der dufte Kumpel »Karl-Heinz« auf seinem Gabelstapler, sondern ein hochtechnisiertes und automatisiertes Fahrzeug, welches mit einer hohen Geschwindigkeit Gegenstände ein- oder auslagern kann und das in Regalen, die bis zu 100 m lang und 30 m hoch sein können: »Diese Fahrzeuge haben eine Geschwindigkeit von 5 … 6 m / s, mit einer enormen Beschleunigung. Dazu kommt eine Teleskopgabel, die ein- und ausgefahren werden muss. Hier arbeiten wir nach einem neuen Standard mit Ether-Cat statt mit Interbus«, erklärt Thomas Hörig und Anja Piehler ergänzt: »Wir müssen die zum Teil neuen Komponenten aufeinander abstimmen, sie also nach den Möglichkeiten austesten und eingruppieren, beispielsweise ein Scanner oder ein Lichtgitter, letztendlich aber mit allem, was dazu gehört, ob das jetzt die Funktionalität oder den Sicherheitsaspekt betrifft.«

An dieser Stelle ist für den Redakteur definitiv eine Menge Begeisterung für die Sache herauszuhören: »Mir macht das Studium unglaublich Spaß und ich tue mich relativ leicht. Die Form des dualen Studiengangs ist super, denn die betrieblichen Inhalte ergänzen den Studienteil und umgekehrt«, resümiert die junge Frau.

Bemerkenswert ist auch, dass sie in ihrem Fach noch drei Kommilitoninnen hat. Begonnen haben in ihrem Semester gar zehn Studentinnen. Das ist, bezogen auf eine eher kleine Hochschule wie die in Amberg, sehr erfreulich. Ihren Abschluss macht Frau Piehler dann im kommenden August, da sie – durch die Entwicklungs- und Projektarbeit an einem Elektro-Rennauto an der Hochschule – mit dem Studium etwas ins Hintertreffen geraten ist.

Doch das sieht hier jeder positiv, es dient ja schließlich nicht nur ihrem Weiterkommen, sondern auch dem des Betriebes: »Das war ja nicht wenig an Zeit, was sie dort in ihre Projektarbeiten gesteckt hat. Doch wir können hier auch nur davon profitieren, da Frau Piehler mit so viel Begeisterung dabei war, dass sie ihr Wissen und ihren Enthusiasmus schließlich auch uns zur Verfügung stellt«, so Thomas Hörig. Dementsprechend war es auch keine Frage, den Aus­bildungsvertrag um ein halbes Jahr zu verlängern.

Ausblick

Ihre beruflichen Perspektiven sind ausgesprochen gut und so sagt sie mit Blick in die Zukunft: »Mir macht die Arbeit hier unglaublich viel Spaß und ich fühle mich sehr wohl hier. Deswegen würde ich natürlich gerne bleiben. Vielleicht mache ich in absehbarer Zeit dann noch meinen Master, da möchte ich mich aber noch nicht festlegen.« ­Möglicherweise geht dies in naher Zukunft auch berufsbegleitend in einem weiteren dualen Studiengang. Das Zeug dazu hat sie in jedem Fall.

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