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Herausforderungen der Digitalisierung

E-Handwerke: Zukunft gestalten

Dipl.-Ing. Lothar Hellmann, 
Präsident des ZVEH, Ehrenpräsident des Fachverbandes ­Nordrhein-Westfalen, Obermeister der Elektroinnung Duisburg, Mitglied im Präsidium des ZDH
Dipl.-Ing. Lothar Hellmann, Präsident des ZVEH, Ehrenpräsident des Fachverbandes ­Nordrhein-Westfalen, Obermeister der Elektroinnung Duisburg, Mitglied im Präsidium des ZDH
Dieses Jahr stehen im Rahmen der Jahrestagung Neuwahlen an. Unabhängig davon gibt es eine Reihe an Themen, mit denen sich die elektrohandwerkliche Organisation aktuell auseinandersetzt. ZVEH-Präsident Lothar Hellmann erläutert die Hintergründe im Exklusivinterview mit »de«.

»de«: Die aktuelle Konjunkturumfrage des ZVEH hat ein neues Allzeithoch beim ­Geschäftsklimaindex ergeben. Auch die Zukunftsaussichten werden nach wie vor sehr positiv beurteilt. Die Bundesregierung hat ihre Wirtschaftsprognose hingegen zum zweiten Mal gesenkt. Kann sich das Elektrohandwerk von der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung abkoppeln?

L. Hellmann: Die Wirtschaftslage im Elektrohandwerk ist nach wie vor sehr gut. Das ist nicht nur eine Momentaufnahme, sondern ein längerfristiger Trend, der sich auch in nächster Zeit so fortsetzen dürfte, da die Betriebe nicht nur ihre derzeitige Auftragslage als sehr gut bezeichnen, sondern auch für die kommenden Monate gut ausgelastet sind und sich daher auch bei den Zukunftsaussichten sehr optimistisch zeigen.

Ganz allgemein reagiert die Wirtschaftsentwicklung im Elektrohandwerk verzögert und abgeschwächt auf die konjunkturelle Gesamtlage. Das liegt unter anderem daran, dass wir auf einen Mix an Kundengruppen setzen – laut unserer Frühjahrskonjunktur­umfrage sind die Privatkunden mit 36 % bzw. die gewerbliche Wirtschaft mit 38 % unsere größten Auftraggeber. Und gerade bei Privatkunden dürfte aufgrund des niedrigen Zinsniveaus die Investi­tionsbereitschaft in die ­eigenen vier Wände noch länger anhalten. Insofern blicke ich ­weiterhin optimistisch in die Zukunft.

»de«: Bei der E-Marke gab es vergangenes Jahr eine Änderung dahingehend, dass nun jeder Innungsbetrieb die E-Marke nutzen kann, unabhängig von einem entsprechenden E-Marken-Vertrag. Wie sind die Erfahrungen damit?

L. Hellmann: Die Maßnahme hat die Sichtbarkeit der E-Marke beim Kunden weiter ­erhöht. Wichtig ist mir an der Stelle, dass es nach wie vor eine deutliche Differenzierung gibt: Mit der E-Marke in Verbindung mit dem Slogan »Mitglied der Elektroinnung …« kann nun jeder Innungsbetrieb seine Zugehörigkeit zu unserer Verbandsorganisation nach außen zeigen – und zwar nur in genau dieser Kombination aus E-Marke und Text.

Alle weiteren Maßnahmen bleiben nach wie vor unseren besonders qualitätsorientierten, derzeit mehr als 8500 E-Marken-Betrieben vorbehalten, die sich vertraglich zur ­Einhaltung der entsprechenden Grundsätze verpflichtet haben, u. a. zur regelmäßigen Weiterbildung. Zu diesen Maßnahmen zählt beispielsweise der Fachbetrieb E-Mobilität, der aufgrund der aktuellen Entwicklungen in diesem Marktsegment gute Zukunftsaussichten bietet.

»de«: Qualitätsmarke, Dienstleistungsmarke, Kollektivmarke – wofür soll die E-Marke in Zukunft stehen?

L. Hellmann: Zuallererst ist die E-Marke eine Dienstleistungsmarke. Das E-Handwerk erbringt für den Kunden zuvorderst eine Dienstleistung, und gerade darüber kann es sich gegenüber branchenfremden, neuen Wettbewerbern differenzieren. Speziell die ­E-Marken-Betriebe stehen für hohe Qualität und innovative Lösungen für den Kunden, basierend auf der hohen Qualifikation der Mitarbeiter in Verbindung mit Qualitätsprodukten von Markenherstellern.

Für die E-Organisation ist die E-Marke auch eine Kollektivmarke, also eine Marke, die die ­Zugehörigkeit zu der starken Gemeinschaft der elektrohandwerklichen Organisa­tion symbolisiert. Immerhin steht das Elektrohandwerk für rund 10 % des gesamten Umsatzes und für etwa 10 % aller Mitarbeiter im Handwerk in Deutschland insgesamt.

»de«: In Zeiten der Digitalisierung werden Prozesse und Wertschöpfungsketten neu definiert. Wie kann es dem Elektrohandwerk gelingen, sich hier auch in Zukunft wettbewerbsfähig aufzustellen?

L. Hellmann: Das ist in der Tat eine Herausforderung für uns. Von verbandlicher Seite haben wir dies schon vor längerer Zeit ­erkannt und sind permanent mit unseren Partnern im Gespräch, um die Veränderungsprozesse im Sinne der elektrohandwerklichen Betriebe zu gestalten. Aus meiner Sicht sollte sich jeder der Partner auf seine Stärken besinnen und diese in die digitalisierte Welt überführen. Und die Stärke des Elektrohandwerks ist die individuelle, herstellerneutrale Beratung des Kunden – der Kunde vertraut uns.

»de«: Werden angestammte Partner wie Industrie, Großhandel oder Energieversorger zu neuen Wettbewerbern?

L. Hellmann: Natürlich stellen wir fest, dass angestammte Partner an der ein oder anderen Stelle versuchen, direkt mit dem Kunden ins Geschäft zu kommen. Allerdings ist es uns bisher in der Regel gelungen, derartige Entwicklungen durch intensive Gespräche mit den jeweiligen Partnern in die richtigen Bahnen zu lenken.

Mehr Sorge habe ich an dieser Stelle vor branchenfremden Akteuren wie Telekommunikationsunternehmen oder den bekannten Internet-Giganten. Die haben in bestimmten Segmenten eine Quasi-Monopolstellung und verfügen daher über genügend finanzielle Mittel, um aus deren Sicht interessante Märkte erobern zu können. Doch auch hier können wir als Elektrohandwerk nach wie vor unsere Stärken ausspielen. Individuelle, auf den Kunden zugeschnittene Lösungen, persönliche Beratung vor Ort oder etwa ein Notdienst sind Dinge, die ich mir etwa bei einem Internetkonzern nur schwer vorstellen kann.

»de«: Hat der Kunde beispielsweise eine Smart-Home-Lösung, so fallen jede Menge Daten an. Wem gehören die, und wer darf bzw. wird die für zusätzliche Servicedienstleistungen nutzen können?

L. Hellmann: Ganz klar ist: Die Daten gehören dem Kunden, und er allein entscheidet, wer Zugriff auf diese Daten bekommt und wer sie dann auch für Zu
Lothar Hellmann: »Wir sind das erste Handwerk, das digitale Inhalte in die 
Ausbildungsordnung integriert«
Lothar Hellmann: »Wir sind das erste Handwerk, das digitale Inhalte in die Ausbildungsordnung integriert«
satzservices nutzen kann. Service ist eine klare Stärke des Elektrohandwerks, und daher sehe ich uns hier in einer wichtigen Rolle. Voraussetzung dafür ist, dass wir – und nicht nur der Hersteller – ­Zugriff auf die jeweiligen Daten bekommen. Das kann kein Betrieb alleine stemmen, wir brauchen dafür übergreifende Plattformen.

»de«: Im Jahr 2017 hat der ZVEH die Bonner Erklärung zur Digitalisierung sowie die Agenda zur Digitalisierung im Elektrohandwerk veröffentlicht. Werden die dahinterstehenden Aktivitäten fortgesetzt, und wann ist mit weiteren Ergebnissen zu rechnen?

L. Hellmann: Schon vor einigen Jahren haben wir im ZVEH eine Projektgruppe ­Digitalisierung ins Leben gerufen, die sich eingehend mit dieser Thematik ausein­andersetzt und die auch die von Ihnen ­erwähnte Bonner ­Erklärung maßgeblich erarbeitet hat. Die Projektgruppe ist nach wie vor aktiv und treibt das Thema weiter voran. So fand kürzlich in Frankfurt ein ­Infotag unter dem Motto »Zeit für Mehr« statt, der demnächst auch in verschiedenen Bundesländern in ähnlicher Form fortgeführt werden soll.

Dort informierten die Mitglieder der Projektgruppe sowie weitere Experten zu aktuellen Fragestellungen rund um die Digitalisierung im Elektrohandwerk, u. a. über verschiedene Lösungen aus dem Bereich Software bzw. Apps. Besonders hervorheben möchte ich, dass sich darunter auch mehrere Softwarelösungen befinden, die von Elektrohandwerks­betrieben entwickelt wurden, nach dem ­Motto »aus der Praxis für die Praxis«.

»de«: Die Digitalisierung hat Einfluss auf das Berufsbild des Elektrohandwerks und damit auch auf die Ausbildung. Aktuell ist der ZVEH dabei, die Ausbildungsverordnung zu novellieren. Wie soll diese künftig aussehen, und welche Ziele wollen Sie ­damit erreichen?

L. Hellmann: Wir wollen unsere Betriebe und unsere Mitarbeiter fit machen für die ­Herausforderungen der Zukunft, u. a. die ­Digitalisierung. Die Modernisierung der Ausbildungsverordnungen spielt dabei eine zentrale Rolle. Betonen möchte ich, dass die von uns angestrebte Neuordnung im gesamten Handwerk die erste ist, die die Digitalisierung wirklich ernst nimmt und digitale Inhalte ­in die Berufsbilder integriert – ein Prestige­projekt für das gesamte deutsche Handwerk.

Konkret wird es so sein, dass aus den derzeit sieben Ausbildungsberufen fünf werden. Das sind der
  • Elektroniker/in Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik,
  • Elektroniker/in Fachrichtung Automatisierungs- und Systemtechnik,
  • Elektroniker/in für Gebäudesystemintegration,
  • Informationselektroniker/in sowie
  • Elektroniker/in für Maschinen und Antriebstechnik.
Die neuen Ausbildungsverordnungen sollen nach unseren Vorstellungen entweder schon im Herbst 2020 oder ein Jahr später in Kraft treten. Besonders hervorheben möchte ich den neuen Beruf des Elektronikers für Gebäudesystemintegration. Er greift die aktuellen Entwicklungen u. a. im Bereich Smart Home und Smart Building auf und richtet sich an Auszubildende mit Fachhoch- bzw. Hochschulreife sowie Studienaussteiger. Diese neue Ausbildungsrichtung wird dazu beitragen, das Berufsbild unseres Handwerks noch ­attraktiver zu machen.
So soll die neue Ausbildungsstruktur im Elektrohandwerk ab 2020 oder 
2021 aussehen
So soll die neue Ausbildungsstruktur im Elektrohandwerk ab 2020 oder 2021 aussehen
»de«: Die Anzahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Elektrohandwerk nimmt seit Jahren zu. Rechnen Sie mit einer weiteren positiven Entwicklung? Steigen parallel zu den neuen Ausbildungsverträgen auch die Abbrecherzahlen?

L. Hellmann: Seit einer Reihe von Jahren ­beobachten wir eine sehr erfreuliche Entwicklung der Ausbildungszahlen. So stieg die Anzahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Jahr 2018 um 3 %, 2017 um 5,9 %, 2016 um 3,2 % und 2015 um 4,7 %. Für die kommenden Jahre rechne ich weiterhin mit einer positiven Entwicklung.

Ein Grund für diesen Zuwachs liegt sicherlich darin, dass unsere Tätigkeitsfelder immer attraktiver werden, denken Sie nur an die Trends hin zu smarten Lösungen oder im Bereich Energieeffizienz, Elektromobilität oder erneuerbare Energien. Doch das allein reicht heute nicht mehr. Daher haben wir schon vor Jahren unsere E-Zubis-Kampagne gestartet, die viele positive Impulse setzt. Die Attraktivität unserer Branche belegt auch die Tatsache, dass inzwischen mehr als 15 % aller Auszubildenden über eine Fachhoch- bzw. Hochschulreife verfügen.

Ihre Frage nach den Abbrecherzahlen lässt sich nicht statistisch fundiert beantworten. Neben der üblichen dreieinhalbjährigen Lehrzeit gibt es auch solche, die verkürzen oder die ein halbes Jahr länger brauchen, insofern können Sie die Zahlen nicht 1:1 miteinander vergleichen. In Summe nimmt aber auch die Zahl der abgeschlossenen Gesellenprüfungen zu, 2018 waren es rund 5 % mehr als zehn Jahre zuvor.

»de«: Die Elektromobilität nimmt allmählich Fahrt auf, die Bundesregierung plant zusätzliche Förderungen sowohl von privaten Ladepunkten als auch von E-Fahrzeugen selbst. Eine sinnvolle Maßnahme?

L. Hellmann: Beide Maßnahmen sind aus meiner Sicht sinnvoll und ergänzen sich gut. Bei der Ladeinfrastruktur hat die Politik jedoch viel zu lange die öffentliche Lade­infrastruktur im Fokus gehabt – obwohl über 80 % aller Ladevorgänge im privaten oder halböffentlichen Bereich stattfinden. Insofern kann ich den jetzt erfolgten Strategiewechsel nur begrüßen.

»de«: In einigen Bundesländern gibt es im Bereich Elektromobilität eine Kooperation zwischen dem Elektrohandwerk und dem ADAC. Können Sie dies näher erläutern?
E-Marken-Betriebe können Weiterbildungskonzepte wie den Fachbetrieb E-Mobilität nutzen und nun u.a. von einer Kooperation mit dem ADAC profitieren
E-Marken-Betriebe können Weiterbildungskonzepte wie den Fachbetrieb E-Mobilität nutzen und nun u.a. von einer Kooperation mit dem ADAC profitieren
L. Hellmann: ADAC-Mitglieder, die sich für ein Elektroauto interessieren, haben die Möglichkeit, eine kostenlose Erstberatung durch einen Elektromobilitäts-Fachbetrieb zu erhalten. Dazu gibt es entsprechende Vereinbarungen zwischen dem ADAC und – Stand heute – den Landesinnungsverbänden NRW und FEHR. Wir streben an, dass diese Kooperation bundesweit ausgerollt wird. Teilnehmen können alle zertifizierten Elektromobilitäts-Fachbetriebe – hier sehen Sie wieder einen Vorteil der E-Marken-Mitgliedschaft.

Darüber hinaus haben wir im Bereich Elektromobilität noch weitere Kooperationen, unter anderem mit dem Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe ZDK. Hier gibt es einen gemeinsamen Flyer, mit dem Autohäuser auf Elektromobilitäts-Fachbetriebe hinweisen können. Die herstellerneutrale ­Beratung und Installation durch einen Elektromobilitäts-Fachbetrieb bringt auch hier dem Kunden Vorteile. So soll zum Beispiel eine Ladestation unabhängig vom Fabrikat des E-Autos funk­tionieren.

»de«: Vor zwei Jahren wurde die Wirtschaftsinitiative Smart Living gegründet, an der der ZVEH beteiligt ist. Ziel soll es sein, Deutschland zum Leitmarkt für Smart-Living-Anwendungen zu entwickeln. Wie weit sind die Arbeiten gediehen?

L. Hellmann: Diese 2017 gegründete Initiative hat sich aus meiner Sicht sehr erfolgreich entwickelt. Derzeit gehören ihr 26 Verbände und 53 Unternehmen an. Einer der Höhepunkte war im Dezember 2018 die Teilnahme am Digitalgipfel der Bundesregierung. Hier war unser E-Haus ebenfalls präsent und war eines von nur drei Exponaten, die die Bundeskanzlerin persönlich besichtigt hat.

Auch wenn die Wirtschaftsinitiative derzeit überwiegend auf der politischen Ebene aktiv ist, so liegt dahinter durchaus ein konkreter Nutzen für den einzelnen Betrieb. Denken Sie etwa an unsere eingangs diskutierte Frage nach den Plattformen im Bereich Smart Home – eine der Voraussetzungen, dass das Elektrohandwerk in diesem Bereich Servicedienstleistungen anbieten kann. Es ist durchaus vorstellbar, dass eine solche Plattform oder zumindest der Anschub dafür aus dieser Initiative heraus entsteht.

»de«: Herr Hellmann, vielen Dank für das Gespräch.
Über den Autor
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Dipl.-Ing. Andreas Stöcklhuber

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